Skip to main content English

Deutsch

Mastzellen gehören zur Familie der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Dies sind Zellen deren Vorläufer vor allem in unserem Knochenmark entstehen. Erstmals wurden Mastzellen 1876 von Paul Ehrlich entdeckt und beschrieben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leukozyten, welche im Rahmen der Blutbildung entstehen, finden sich (normale) Mastzellen nicht im peripheren Blut, sondern außerhalb der Blutgefäße in diversen Organen, wie Lunge, Haut oder im Magen-Darm-Trakt, wo sie für mehrere Monate oder sogar Jahre verweilen können.

Wie andere weiße Blutkörperchen zählen auch die Mastzellen zum Immunsystem, welches an der Körperabwehr gegen Bakterien und Mikroben beteiligt ist. Als Teil eines Alarmsystems können Mastzellen sehr schnell auf fremde Angriffe durch Mikroben oder Toxine reagieren, indem sie gefäßaktive und immunologisch aktive Abwehrmoleküle ins Gewebe sezernieren. Diese chemischen Substanzen, auch Mediatoren genannt, werden beispielsweise im Rahmen von allergischen Reaktionen von den Mastzellen freigesetzt. Je nach den zugrundeliegenden Erkrankungen, Arten der Allergie und anderen Faktoren können die daraus resultierenden Symptome mild, moderat oder schwer sein, bis hin zu einer schweren Anaphylaxie. Einer der wichtigsten chemischen Mediatoren der Mastzellen ist das Histamin, das eine Schwellung des Gewebes (Ödem), Juckreiz und eine Rötung der Haut, aber auch Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder Durchfall verursachen kann. Histamin kann auch andere Magen-Darm-Probleme verstärken oder bei Ulkus-Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts (z.B. Magengeschwür) beteiligt sein. Schließlich ist das Histamin auch ein ‚neuroaktiver‘ Mediator und kann den Blutdruck beeinflussen. Neben Histamin produzieren Mastzellen auch viele andere chemische Substanzen, proteolytische Enzyme und Zytokine.

Die Mastozytose wurde erstmals von Edward Nettleship und Warren Tay als eine ‘Seltene Form der Urtikaria’ (Urtikaria=Nesselsucht) beschrieben, und zwar im British Medical Journal im Jahr 1869. Es dauerte dann bis 1949, bis John M. Ellis an einem Autopsiefall die Beteiligung innerer Organe entdeckte. Etwa zehn Jahre früher war der Begriff ‚Mastozytose‘ eingeführt worden. 1957 wurde die erste Beschreibung einer Mastzellleukämie publiziert. Während der letzten Jahrzehnte stiegen die Erkenntnisse über die Pathogenese und molekularen Mechanismen in der Mastozytose dramatisch an. Eine erste detaillierte Klassifikation der Erkrankung wurde Mitte der Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts durch Karl Lennert vorgestellt. 1991 schlug Dean Metcalfe eine erste Konsensus-Klassifikation vor. Zwischen 1991 und 2000 wurden viele wichtige zelluläre, molekulare und biochemische Veränderungen entdeckt, die zur Entwicklung der Mastozytose führen. Dabei stellte sich heraus, dass die Mastozytosen neoplastische Erkrankungen sind, welche aus klonal veränderten, hämatopoetischen Stammzellen ausgehen. Im Jahr 2000 wurde die Konsensus-Klassifikation der Mastozytosen von der EU/US Konsensus-Gruppe (Koordinator: Peter Valent) aktualisiert und mit spezifischen diagnostischen Kriterien versehen. 2001 übernahm die WHO sowohl diese Kriterien als auch die vorgeschlagene Klassifikation als offizielle WHO Klassifikation. In der Folge wurden durch die WHO Kriterien der Mastozytose-Varianten validiert und in vielen Studien als Goldstandard bestätigt. Überdiese wurde die WHO Klassifikation der Mastozytosen 2008 und 2016 weiterentwickelt. Im Jahr 2012 wurde auch eine globale Klassifikation aller Mastzell-Erkrankungen vorgestellt. Darin unterscheidet man eine Mastzell-Hyperplasie (reaktive Vermehrung gutartiger Mastzellen), die kutanen und systemischen Mastozytosen, die Myelomastozytäre Leukämie und die Mastzell-Aktivierungs-Syndrome. Diese Klassifikation ist bis heute gültig.

Die Mastozytose ist eine Erkrankung, welche durch eine vermehrte Bildung und eine daraus resultierende gesteigerte Ansammlung (Akkumulation) von Mastzellen i) in der Haut, ii) in inneren Organen oder iii) sowohl in der Haut als auch in inneren Organen gekennzeichnet ist. Die histologisch nachweisbare vermehrte Ansammlung der Gewebsmastzellen in diversen Organen ist auch die diagnostisch wichtigste Veränderung, welche zur Diagnose Mastozytose führt. Sowohl Kinder als auch Erwachsene können an einer Mastozytose erkranken.

Die Mastozytose wird generell in kutane (cutaneous) Mastozytosen (CM) und systemische Mastozytosen (SM) unterteilt. Bei der kutanen Mastozytose findet sich die Vermehrung der Mastzellen nur oder vor allem in der Haut. Um eine CM zu diagnostizieren, sollte eine Biopsie der betroffenen Haut vorgenommen werden. Die rein kutane Form der Mastozytose wird in der Regel in der (frühen) Kindheit diagnostiziert. Im Gegensatz dazu wird bei den meisten Patienten im Erwachsenenalter eine SM diagnostiziert. Ein Großteil der erwachsenen Patienten zeigt allerdings trotzdem typische Hautveränderungen, wodurch oft der Eindruck erweckt wird, es handle sich um eine kutane Mastozytose im Sinne einer Urticaria Pigmentosa (UP). Nachdem allerdings bei diesen Patienten fast immer das Knochenmark beteiligt ist (nicht jedoch bei Patienten mit reiner CM/UP), wird zumeist die Diagnose einer SM gestellt, nachdem eine diagnostische Biopsie des Knochenmarks durchgeführt wurde. Es ist daher wichtig und Standard, dass allen erwachsenen Patienten/innen eine solche Untersuchung empfohlen wird. In den seltenen Fällen einer SM ohne Hautbeteiligung kann es längere Zeit dauern, bis die Ärzte an eine SM denken, und damit kann es auch länger dauern, bis schließlich diese Diagnose gestellt wird. Auch hier ist es wichtig, dass die Ärzte/innen den Patienten/innen eine Knochenmarksuntersuchung empfehlen.

Die CM und SM gelten als neoplastische Erkrankung von Stammzellen und Vorläuferzellen der Mastzellen. Im Gegensatz zu einer reaktiven Mastzellhyperplasie (erhöhte Mastzellzahl bei einer Entzündung, Infektion, Intoxikation oder Krebs) sind die Mastzellen bei CM und SM monoklonal, das heißt sie entstammen letztlich alle aus einer einzigen entarteten Stammzelle. Die neoplastische Natur dieser Zellen führt zu einer verstärkten Differenzierung und Akkumulation der Mastzellen in einem oder mehreren Organen.

Die Klonalität der Mastzellen in der Mastozytose (CM oder SM) lässt sich am besten durch den Nachweis einer Punktmutation im KIT Protoonkogen bestätigen. Bei der Mehrheit aller Patienten mit SM findet sich die somatische KIT Mutation D816V (Asp-816-Val) im Knochenmark und oft auch in der befallenen Haut (UP-artige Läsionen). In vielen Patienten mit SM findet sich diese Mutation auch in den zirkulierenden weißen Blutkörperchen. In der kindlichen CM lassen sich ebenfalls oft Mutationen im KIT Gen nachweisen. Allerdings finden sich hier im Gegensatz zur SM unterschiedliche Mutationen, während die KIT Mutation D816V nur in einem kleineren Teil der Patienten/innen vorgefunden wird.

Der natürliche klinische Verlauf der Mastozytose ist variabel und hängt vom Alter, vom Organbefall, von der Variante der Erkrankung, von Begleiterkrankungen (wie Allergien oder klonalen myeloische Erkrankungen) und vom Ansprechen auf die Therapie ab. Der Großteil aller Patienten mit CM und indolenter SM weist eine normale Lebenserwartung auf. Bei der kindlichen CM heilt die Krankheit zusätzlich oft kurz vor, während oder nach der Pubertät aus. Eine komplette Heilung findet sich jedoch nicht in allen Patienten.

Die Mastozytose ist eine nicht übertragbare (nicht-ansteckende) Erkrankung der Mastzellen und ihrer Vorläuferzellen. In den meisten Fällen wird kein anderes Familienmitglied im Laufe des Lebens eine Mastozytose entwickeln. Die familiäre Mastozytose ist dabei eine Ausnahme. Sie ist eine außergewöhnlich seltene Erkrankung mit einer geschätzten Häufigkeit von weniger als 1:100 unter allen Fällen mit Mastozytose. Überdies gibt es genetische Konstellationen welche mit einem gering erhöhten Risiko für eine Mastozytose einhergehen. Eine dieser vererbbaren Gen-Varianten ist die sogenannte Hereditäre Alpha Tryptasämie (HAT=HaT). Sie ist durch eine erhöhte basale Serum-Tryptase und eine vermehrte Kopie-Anzahl des Alpha Tryptase Gens (TPSAB1) gekennzeichnet. Diese genetische Variation findet sich in zirka 5% der Normal-Bevölkerung (EU/USA) und in zirka 15-20% der Patienten/innen mit SM.

Die WHO unterscheidet folgende Varianten der Mastozytose (Update 2016):

- Kutane Mastozytose (CM)

- Indolente Systemische Mastozytose (ISM)

- Knochenmarks-Mastozytose (BMM)

- Schwelende (Smoldering) Systemische Mastozytose (SSM)

- Systemische Mastozytose mit Assoziierter Hämatologischer Neoplasie (SM-AHN)

- Aggressive Systemische Mastozytose (ASM)

- Mastzellleukämie (MCL)

- Mastzellsarkom (MCS)

Die kutane Mastozytose entwickelt sich in der Regel in der frühen Kindheit, während im Erwachsenenalter zumeist systemische Varianten der Mastozytose diagnostiziert werden. Die meisten erwachsenen Patienten leiden unter einer indolenten SM (ISM) welche in der Regel mit einer Hautbeteiligung einhergeht. Alle anderen Varianten der Mastozytose (wie SSM, SM-AHN, ASM, oder MCL) werden selten diagnostiziert. Die Knochenmarksmastozytose (bone marrow mastocytosis = BMM), eine seltene provisorische Sub-Variant der ISM ohne Hautbeteiligung und die CM des Erwachsenenalters (wie auch die CM im Kindesalter) weisen eine exzellente Prognose auf was das Überleben betrifft. Im Gegensatz zur CM des Kindesalters handelt es sich allerdings bei der CM im Erwachsenenalter immer um eine persistierende Erkrankung der Haut ohne dass eine spontane Regression auftritt. Die CM des Erwachsenenalters ist selten, während die CM im Kindesalter die häufigste Variant der Mastozytosen ist. Die meisten kindlichen Patienten mit CM weisen einen gutartigen und oft selbst-limitierten klinischen Verlauf auf. Die Erkrankung bildet sich oft spontan vor oder während der Pubertät zurück. In der Regel entwickeln die Kinder keine aggressiven Formen der Erkrankung.

Bei der kindlichen CM gibt es auch einige spezielle Varianten und Erscheinungsformen im Rahmen der Hautveränderungen, wie beispielsweise eine Blasenbildung in der betroffenen Haut. Auch eine diffuse Hautbeteiligung findet sich fast ausschließlich im Kindesalter – und führt dann zur Diagnose Diffusen Kutanen Mastozytose (DCM). Das gleiche gilt für Mastozytome der Haut, bei denen es sich um solide gutartige Mastzelltumoren handelt. Die Prognose der kindlichen Mastozytose ist in der Regel sehr gut. Folgende Varianten der CM lassen sich bei den Kindern unterscheiden:

- Makulopapulöse Kutane Mastozytose (MPCM) = Urticaria Pigmentosa (UP)

  • MPCM mit polymorphem (oft asymmetrischem) Befallsmuster
  • MPCM mit monomorph-kleinfleckigem (zumeist symmetrischem) Befallsmuster

- Diffuse Kutane Mastozytose (DCM)

- Mastozytom der Haut

Folgende Verläufe kommen in der CM des Kindesalters vor: i) spontane Rückbildung (häufig), ii) Persistenz bis ins Erwachsenenalter (selten) und iii) Persistenz bis ins Erwachsenenalter mit ‘Entwicklung’ einer SM (selten). Eine Progression in eine fortgeschrittene Mastzellerkrankung (aggressive Mastozytose oder Mastzellleukämie) wurde bisher nur extrem selten beschrieben.

Bei Diagnosestellung lässt sich der natürliche klinische Verlauf der CM bei Kindern nicht exakt vorhersagen. In der Regel gilt allerdings, dass sich die Mastozytome und die DCM bis zur Pubertät komplett rückbilden. In der MPCM (UP) gibt es ebenfalls eine eindeutige Rückbildungstendenz. Allerdings finden sich nur in einem Teil der Fälle (60-80%) Spontanremissionen. Obwohl im Einzelfall nie vorhergesagt werden kann, ob eine spontane Rückbildung stattfinden wird, gilt folgende Regel: wenn der morphologische Aspekt der Hautläsionen im Kindesalter dem Muster der Hautinfiltrate im Erwachsenenalter entspricht (= monomorphe, kleinfleckige und zumeist symmetrisch verteilte Läsionen) muss mit einer Persistenz der Läsionen gerechnet werden. Findet sich hingegen ein Befall mit polymorphen, z.T. großfleckigen und oft nicht-symmetrisch verteilten Läsionen, was in der Mehrzahl der Fälle zutrifft, kann mit einer spontanen Rückbildung bis oder in der Pubertät gerechnet werden. Die Verlaufsformen in der kindlichen MPCM sind hingegen unabhängig vom Alter oder Geschlecht, unabhängig vom KIT Mutations-Status, und unabhängig von der Serum-Tryptase. Auch der Nachweis einer KIT Mutation D816V in der befallenen Haut besagt nicht, dass die Läsionen in jedem Fall persistieren werden.

Der natürliche klinische Verlauf der SM ist ebenfalls variabel. Die meisten Patienten sind bei Diagnosestellung erwachsen und weisen eine ISM mit guter Prognose und einer normalen oder fast normalen Lebenserwartung auf. Fortgeschrittene Formen der Erkrankung werden selten diagnostiziert. Diese fortgeschrittenen Varianten umfassen die Aggressive SM (ASM), die SM mit einer assoziierten (nicht Mastzell-artigen) hämatologischen Neoplasie (SM-AHN) und die MCL. Bei diesen Patienten ist die Prognose ungünstig. Besonders bei Patienten mit MCL, in denen Mastzellen oft auch im peripheren Blut nachweisbar sind, zeigt die Erkrankung trotz intensiver Therapie oft einen ungünstigen Verlauf. In den letzten Jahren haben neue verbesserte Therapie-Möglichkeiten (inklusive KIT Tyrosin-Kinase Inhibitoren und Stammzell-Transplantation = SCT) allerdings zu einem verlängerten Gesamtüberleben in den ASM und MCL Patienten/innen geführt. In den meisten Patienten mit MCL und vielen mit ASM fehlen typische Hautveränderungen. Ebenso kann in einigen dieser Patienten/innen das ansonsten pathognomonische KIT D816V Onkogen nicht nachgewiesen werden.

Bei der SM-AHN sollten beide Komponenten der Erkrankung, die SM und die assoziierte hämatologische nicht-Mastzell-Neoplasie (AHN) weiter klassifiziert werden. Die SM kann dabei entweder aggressiv (ASM) oder indolent (ISM) sein, je nach klinischer Präsentation. Bei den AHN handelt es sich häufig um myeloische Leukämien, ein myelodysplastisches Syndrom (MDS), eine myeloproliferative Neoplasie (MPN) oder ein MDS/MPN-Mischbild. Die häufigste Form einer AHN ist die chronische myelomonozytäre Leukämie (CMML). Im Falle einer akuten myeloischen Leukämie (AML) ist die Prognose besonders ungünstig, obwohl ein komplettes Ansprechen auf Chemotherapie und/oder SCT möglich ist, und danach in einzelnen Fällen auch ein Langzeit-Überleben berichtet wurde.

Lokalisierte extrakutane Mastzelltumoren (Mastozytome, Mastzellsarkome) sind extrem selten diagnostizierte Erkrankungen. Der natürliche klinische Verlauf und die Prognose der extrakutanen Mastozytome ist gut. Das extrakutane Mastozytom tritt allerdings so extrem selten auf, dass es im letzten Update der WHO Klassifikation eliminiert wurde. Es wird zumeist in der Lunge diagnostiziert und hat keinen bekannten Krankheitswert. Im Gegensatz dazu geht ein Mastzellsarkom, ein ebenfalls extrem seltener, aber sehr aggressiv wachsender lokaler Tumor, oft in eine Mastzellleukämie über und weist damit eine sehr ungünstige Prognose auf (wie die MCL selbst). Nur in wenigen Fällen kann eine Remission erreicht werden und dauerhafte Remissionen sind extrem selten.

Ein wichtiger Aspekt bei der Heterogenität der Krankheitsausprägung in der Mastozytose sind klinisch relevante (therapiepflichtige) Mediator-assoziierten Symptome (SY). Diese Fälle (Varianten der CM und SM) werden mit dem Appendix ´SY´ in der Diagnose versehen. Relevante Symptome können bei jeder Unterform der CM (CMSY) und SM (SMSY) auftreten und ein großes klinisches Problem darstellen. Die entsprechenden Symptome können von milden und tolerablen Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Episoden mit Hypotonie und anaphylaktischem Schock reichen (siehe unten). Es ist allerdings auch zu erwähnen, dass viele Patienten/innen mit CM oder SM keine Mediator-Symptomatik aufweisen. Dies ist in-so-ferne ein wichtiger Punkt, als trotzdem praktisch immer eine prophylaktische Therapie mit Anti-Mediator-Medikamenten bei CM und SM empfohlen wird, da auch bei bis dato langen symptomfreien Intervallen jederzeit eine schwere oder sogar lebensbedrohliche anaphylaktische Reaktion auftreten kann, und diese oft durch eine solche prophylaktische Therapie abgefedert (gemildert) wird.  

Bei jedem/r Patienten/in wird der Arzt oder die Ärztin zunächst eine gründliche körperliche Untersuchung, einschließlich einer eingehenden Inspektion der Hautoberfläche, durchführen. Die Diagnose einer Mastozytose basiert auf der histologischen Untersuchung des betroffenen Organs und auf begleitenden Untersuchungen, welche zum Teil präinvasiv sind (vor einer Organ-Biopsie durchgeführt werden). Diese Erstuntersuchungen, inklusive den Blutanalysen helfen den Ärzten/innen abzuschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine SM vorliegt. Übliche präinvasive Tests sind unter anderem die Laborchemie, das Blutbild und die basale Serum-Tryptase. Eine deutlich erhöhte basale Serum-Tryptase ist immer eine Indikation zur weiteren Abklärung und in vielen Fällen findet sich tatsächlich eine SM. Eine erhöhte basale Serum-Tryptase findet sich allerdings auch bei anderen Knochenmarks-Erkrankungen (z.B. in myeloischen Leukämien). Überdies gibt es, wie zuvor erwähnt, eine angeborene Vermehrung der Alpha-Tryptase Genkopien, ein ererbtes Muster welches man als Hereditäre Alpha-Tryptasämie (HAT=HaT) bezeichnet. Diese genetische Variation ist mit einer Prädisposition für schwere Hypersensitivitätsreaktionen bei gelichzeitig bestehenden Allergien und anderen reaktiven Zuständen assoziiert und findet sich auch relativ häufig in Patienten/innen mit SM (15-20%). Das Nachweisverfahren (eine spezielle PCR) wird derzeit nur in wenigen Schwerpunktzentren angeboten. Man kann aber davon ausgehen, dass der Test in den nächsten Jahren in vielen speziellen Laboratoren verfügbar sein wird.

Seit einiger Zeit stehen auch hochsensitive Verfahren (PCR-basiert) zum Nachweis der Punktmutation KIT D816V in peripheren Leukozyten zur Verfügung. Auch diese Verfahren werden heutzutage vermehrt in der Erstabklärung bei Verdacht auf SM eingesetzt. Bei einem positiven Testergebnis (KIT D816V) wird bei Erwachsenen immer ein Knochenmarks-Untersuchung empfohlen. Dies gilt auch bei relevanten und ansonsten nicht erklärbaren (persistierenden) Blutbild-Veränderungen und auch dann, wenn der basale Tryptasewert substantiell und persistierend erhöht ist (über 30 ng/ml) und durch keine andere Pathologie oder genetische Variation (inklusive HAT) oder Mastzellaktivierung erklärbar ist.  

Bei Erwachsenen wird eine Hautbiopsie immer dann empfohlen, wenn der Verdacht auf Mastozytose besteht und typische Hautveränderungen sichtbar sind: pigmentierte Flecken oder fleck- und knötchenförmige Veränderungen, welche unter einer mechanische Irritation mit einer Rötung und gegebenenfalls Schwellung reagieren (sogenanntes ´Darier´ Zeichen). Bei Kindern wird bei typischer Präsentation oft auf eine Biopsie der Haut verzichtet. Im Erwachsenenalter sollte aber immer eine solche vorgenommen werden. Und bei Verdacht auf eine SM wird in diesen Patienten auch immer ein Knochenmarksbiopsie empfohlen. Hingegen ist eine solche Knochenmarks-Untersuchung bei Kindern in den meisten Fällen nicht erforderlich, vor allem wenn kein Hinweis für eine Systembeteiligung besteht und der Tryptasespiegel normal oder nur leicht erhöht ist.

Die histologische Untersuchung der Haut und/oder des Knochenmarks zeigt bei Befall die typischen Mastzellinfiltrate, welche für die Diagnose einer (systemischen oder kutanen) Mastozytose beweisend sind (Hauptkriterium der SM). Zusätzlich kann die Biopsie (die Histologie) einen Aufschluss über die Variante der Mastozytose geben. Durch das Knochenmarkaspirat können zusätzliche, wichtige Informationen gewonnen werden, einschließlich dem Mastzellphänotyp, dem Vorhandensein einer KIT Mutation oder dem Nachweis einer zusätzlich vorliegenden assoziierten hämatologischen Neoplasie (AHN).

Entsprechend der WHO Klassifikation müssen bestimmte diagnostischen Kriterien erfüllt werden, damit die Diagnose einer SM gestellt werden kann. Man unterscheidet dabei zwischen Hauptkriterien und Nebenkriterien (= SM-Kriterien). Diese Kriterien beinhalten die Histologie des Knochenmarks oder eines anderen extrakutanen Organs (=Hauptkriterium), sowie bestimmte SM Nebenkriterien. Zu den letzteren zählen eine für die SM typischerweise abnormale Morphologie der Mastzellen (Spindelformen und hypogranuliertes Zytoplasma), die Expression von CD2 und/oder CD25 in den Knochenmarksmastzellen, der Nachweis einer aktivierenden KIT Mutation im Codon 816 (zumeist D816V) im Knochenmark oder einem anderen extrakutanen Organ und eine erhöhte basale Serum-Tryptase von über 20 ng/ml (dieses Kriterium gilt nicht wenn der/die Patient/in an einer zusätzlichen myeloischen Neoplasie leiden). Wenn zumindest ein Hauptkriterium und ein Nebenkriterium oder drei Nebenkriterien erfüllt sind, kann die Diagnose SM gestellt werden. Diese SM Kriterien der WHO gelten im Prinzip seit 2001. Überdies gibt es diagnostische Kriterien welche die Anwesenheit einer schwelenden SM (=SSM: B-Kriterien oder B-Findings) oder eine fortgeschrittenen SM (C-Kriterien oder C-Findings) beweisen können.

Definition von B-Symptomen (B-Findings) in der SM:

B-Symptome zeigen eine erhöhte Masse an klonalen (Mast)Zellen und eine Beteiligung mehrerer myeloischer Zelllinien (multi-lineare Beteiligung) im Krankheitsprozess (Ausbreitung des Defekts auf verschiedene Zelllinien des Knochenmarks/Blutes) an. Zu den Anzeichen gehören i) eine ausgeprägt Infiltration des Knochenmarks mit neoplastischen Mastzellen (>30%) und eine erhöhte Serum-Tryptase (>200 ng/ml), ii) ein hyperzelluläres Knochenmark, andere Zeichen der Myeloproliferation, eine Zelldysplasie im Knochenmark, und iii) eine Vergrößerung (Organomegalie) der Milz, der Leber oder der befallenen Lymphknoten.  Wichtig ist dabei auch, dass keine signifikante Einschränkung der Organfunktion vorliegt. B-Symptome reflektieren ein ‘schlummerndes´ oder ´schwelendes‘ Stadium mit unsicherem klinischem Verlauf. Werden 2 der 3 B-Findings erfüllt und es liegt kein C-Finding vor, kann die Diagnose Smoldering SM (SSM = schwelende SM) gestellt werden. In einem Teil dieser Patienten/innen schreitet die Erkrankung fort und geht in eine ASM oder MCL über. Insgesamt ist die Prognose in der SSM allerdings gut was das Langzeitüberleben betrifft.

Definition von C-Symptomen (C-Findings) in der SM:

C-Symptome sind immer ein Ausdruck einer fortschreitenden SM und weisen oft auf die Notwendigkeit hin, eine Therapie mit zytoreduktiven Substanzen einleiten zu müssen. Es handelt sich dabei um den Hinweis, dass die Mastzellinfiltration in bestimmten Organen zu einem klinisch signifikantem Organschaden geführt hat. Dieser kann irreversibel sein. Die C-Findings werden definitionsgemäß nur in den fortgeschrittenen Varianten der Mastozytose beobachtet (ASM, ASM-AHN, MCL). Prinzipiell kann jedes Organ betroffen sein. Zu den C-Symptomen (C-Findings) gehören unter anderem eine verminderte Anzahl an gesunden Blutzellen als Folge einer eingeschränkten Knochenmarkfunktion, inklusive Anämie (Schwäche, Atemnot), Leukopenie (neutropenische Infektionen, Infektneigung) und eine Thrombozytopenie (niedrige Blutplättchenzahlen mit und ohne Blutungsneigung), ferner Gewichtsverlust, ein vermindertes Serum-Albumin, Leberveränderungen mit Aszites (Bauchwasser) und erhöhten Leberenzymen (vor allem alkalische Phosphatase), Malabsorption (klinisch relevant verminderte Darmfunktion) und große Knochenläsionen (Osteolysen) mit pathologische Frakturen (Knochenbrüche bei geringsten Verletzungen). Wichtig ist, dass die Genese der C-Findings gut abgesichert sind, das heißt dass der Kliniker und der Pathologe sicher sind, dass die Symptome Folge einer lokalen Mastzell-Infiltration sind und nicht auf einer anderen Genese oder Komorbidität beruhen. Daher wird oft eine Organbiopsie mit speziellen histologischen und immunhistochemischen Analysen verlangt bevor die Diagnose ´C-Finding´ gestellt wird. Bei Patienten mit aggressiven Mastzellerkrankungen können ein oder mehrere C-Symptome auftreten. Ein einziges C-Finding reicht allerdings bereits aus um die Diagnose einer ´fortgeschrittenen SM´ (advanced SM) zu stellen. Merke:

B-Symptome (B-Findings) = Borderline Benign (grenzwertig gutartig)

C-Symptom/e (C-Finding/s) = Consider Cytoreduction or Chemotherapy

(Zytoreduktion oder Chemotherapie sollte erwogen werden)

Symptome, welche durch Mastzell-Mediatoren ausgelöst werden, können weder als B-Symptome noch als C-Symptome bezeichnet werden.

Die Mastzellleukämie (MCL) ist üblicherweise von B-Symptomen und C-Symptomen begleitet. Die Prognose der MCL ist ungünstig. Diagnostische Kriterien der MCL umfassen die SM Kriterien und den zusätzlichen Nachweis von ≥20% Mastzellen im Knochenmarksstrich (unabhängig vom Infiltrationsgrad der Mastzellen im histologischen Befund des Knochenmarks). Zirkulierende Mastzellen lassen sich in einem Teil der MCL Patienten im Blutausstrich nachweisen. Wenn der Anteil der zirkulierenden Mastzellen ≥10% beträgt, kann die Diagnose einer klassischen MCL gestellt werden. Wenn der Anteil <19% beträgt, liegt eine aleukämische Form der MCL vor. In den meisten Patienten/innen finden sich auch C-Findings. Wenn dies nicht der Fall ist, spricht man von einer chronischen MCL. Die MCL wird unterteilt in:

- Chronische Klassische MCL

- Akute Klassische MCL

- Chronische Aleukämische MCL

- Akute Aleukämische MCL

Zuletzt muss noch beachtet werden, dass sich die MCL aus einer anderen Form einer Mastozytose heraus entwickeln kann, wie beispielsweise einer ASM, ASM-AHN oder einem Mastzellsarkom (sekundäre Progression). In diesen Patienten/innen besteht definitionsgemäß eine sekundäre MCL. In den übrigen Fällen wird eine primäre MCL  diagnostiziert.

Symptome der Mastozytose können durch biologisch aktive Mediatoren, welche aus aktivierten Mastzellen ausgeschüttet werden (= mediator-assoziierte Symptome = SY) oder durch eine aggressiv expandierende Mastzell-Infiltration in diversen Organen (führt oft zu C-Findings = Organschaden) hervorgerufen werden. Mastzellen synthetisieren und sezernieren eine Vielzahl von Mediatoren und chemische Stoffen, inklusive vasoaktive, gerinnungs-aktive und immunregulatorischen Moleküle, wie zum Beispiel Histamin, Heparin, Tryptase, Prostaglandine, Zytokine oder Chemokine. Diese Mediatoren können verschiedene Symptome verursachen, wie Kopfschmerzen, Knochenschmerzen, Übelkeit, Juckreiz, Urticaria, eine Hautrötung, Durchfälle, Bauchschmerzen und -krämpfe, Magengeschwür, Hypotonie oder sogar schwere anaphylaktische Reaktionen mit hypotensivem Schock. Diese Symptome können bei allen Varianten der Mastozytose und zu jedem Zeitpunkt im Krankheitsverlauf auftreten. In der Regel handelt es sich dabei um Reaktionen auf bestimmte Auslöser (Trigger), wobei es individuell verschiedene Spektren an Auslösern gibt. Ein wichtiger Faktor sind dabei gleichzeitig bestehende allergische Erkrankungen, andere reaktive Erkrankungen (Entzündungen Infektionen, Autoimmunprozesse) und auch prädisponierende (genetische, epigenetische und somatische) Faktoren, wie beispielsweise eine gleichzeitig vorliegende Hereditäre Alpha-Tryptasämie (HAT). Daher besteht auch eine erhebliche klinische Heterogenität was den Schweregrad und die Auslöser betrifft. Allerdings gibt es klassische Trigger welche in der CM und SM sehr oft als Hauptauslöser erkannt werden, wie zum Beispiel Bienen- oder Wespenstiche (bei Bienen/Wespengift-Allergien) oder Aspirin (Unverträglichkeit gegen Aspirin). Bei manchen Patienten sind die Symptome sehr gering ausgeprägt, wohingegen andere Patienten schwere Symptome aufweisen, die eine kontinuierliche Behandlung mit Medikamenten erfordern (werden dann als CMSY oder SMSY bezeichnet) oder manchmal auch eine sofortige medizinische Intervention, wie z.B. beim Auftreten eines anaphylaktischen Schocks. Ein hohes Risiko besteht dann, wenn sowohl eine CM/SM als auch eine IgE-abhängige Allergie bestehen, und das Risiko dürfte weiter ansteigen, wenn zusätzlich auch noch eine HAT vorliegt. In diesen Patienten können die Folgen der Anaphylaxie lebensbedrohlich sein und oft wird dabei dann auch ein Mastzellaktivierungs-Syndrom (MCAS) diagnostiziert (siehe unten).

Ein anaphylaktischer Schock ist die Folge einer massiven und plötzlichen Ausschüttung von vasoaktiven Mediatoren aus Mastzellen. Bei kleinen Kindern können eine fehlende Reaktion auf Ansprache und Schlaffheit die einzigen Anzeichen sein. Ältere Kinder und Erwachsene fühlen sich aufgrund des plötzlichen massiven Blutdruckabfalls schwindelig und/oder verlieren das Bewusstsein. Weitere Symptome sind variabel: Kopfschmerzen, Juckreiz, Atemnot, Übelkeit, Tachykardie, Zungen- und Lippenschwellung, Hautschwellung, Hautrötung und Bauchschmerzen. Auslöser des anaphylaktischen Schocks sind im Einzelfall entweder klar sichtbar oder bekannt, oder aber schwer zu eruieren. Bei Verdacht auf einen anaphylaktischen Schock sollte in jedem Fall sofort Erste Hilfe geleistet werden und rasch ärztliche Hilfe organisiert werden. Ebenso wird empfohlen dass Patienten/innen und ihre Angehörigen (vor allem bei einer bekannten Bienengift- oder Wespengift-Allergie) lernen, wie man eine Notfalls-Medikation (Kortikosteroide und Epinephrin-Auto-Injector) appliziert. Im Rahmen der Erstversorgung in einem Spital sollte neben allen akuten therapeutischen Maßnahmen auch eine Serum-Tryptase bestimmt werden, wenn der Test verfügbar ist.

Ein in der SM speziell betroffenes Organsystem ist das Skelettsystem, wobei unterschiedliche Befalls-Muster auftreten. Am häufigsten finden sich eine Osteosklerose und eine Osteopenie bzw. eine Osteoporose. Man nimmt an, dass dabei die Mastzell-Mediatoren eine Rolle spielen.  In den fortgeschrittenen Mastozytosen kann es auch zu fokalen Herden und Osteolysen sowie zu pathologischen Frakturen kommen. Die Osteoporose findet sich vor allem in der ISM und SSM und kann auch zu (pathologischen) Frakturen führen, vor allem wenn sie spät entdeckt wird oder nicht adäquat und frühzeitig behandelt wird. Weitere Risikofaktoren sind Inaktivität, Vitamin-D Mangel und langfristige Glucocorticosteroid-Therapien. Frauen sind zwar prinzipiell häufiger betroffen, in der SM können aber beide Geschlechter rasch eine Osteoporose entwickeln. Daher werden auch regelmäßige Kontrollen der Knochendichte in allen Patienten mit SM (und auch bei lange bestehender CM) empfohlen.

Das MCAS ist eine schwere wiederkehrende Reaktion auf bestimmte Trigger, welche zu einer massiven Freisetzung von Mastzellmediatoren führen. Typischerweise finden sich die Symptome der Anaphylaxie und es sind zwei oder mehrere Organsysteme betroffen. So findet sich im MCAS praktisch immer ein Kreislaufschock oder zumindest ein akuter schwerer Blutdruckabfall. Im Gegensatz zur Anaphylaxie muss die Beteiligung der Mastzellen im MCAS bewiesen werden. Dazu eignet sich am besten die Serum-Tryptase, welche in Rahmen der anaphylaktischen Reaktion massiv über den individuellen Basalwert ansteigen kann. Der diagnostische Schwellenwert liegt dabei bei 120% + 2 ng/ml Tryptase im Vergleich zum Basalwert. Dieser Basalwert ist entweder bereits bekannt oder wird nach Abklingen aller Symptome (am besten am nächsten Tag) nochmals bestimmt. Letztlich gilt die Symptomatik als MCAS wenn eine spezifische Therapie (gegen die Mastzell-Mediatoren bzw. gegen die Ausschüttung dieser Mediatonen) eine klinische Wirkung zeigt. Ein MCAS dann diagnostiziert werden, wenn alle 3 MCAS Kriterien erfüllt sind: i) klinische Symptome = zumeist Anaphylaxie, ii) Anstieg der Serum-Tryptase und iii) Ansprechen auf eine spezifische Therapie.

Das MCAS wird entsprechend den zugrundeliegenden Erkrankungen in 3 Kategorien eingeteilt. Das primäre MCAS findet sich praktisch ausschließlich in Patienten mit Mastozytose (CM oder SM) – die Mastzellen sind dabei klonal oder monoklonal (daher auch: mono/klonales MCAS = MMAS). In seltenen Fällen finden sich auch (mono)klonale KIT D816V+ Mastzellen ohne dass eine CM oder SM diagnostiziert werden kann. Trotzdem werden diese Patienten als primäres/klonales MCAS klassifiziert – und in einigen dieser Patienten kann später doch eine CM oder SM diagnostiziert werden. In anderen Fällen steckt eine IgE-abhängige oder IgE- unabhängige Allergie oder auch ein anderer reaktiver Prozess zugrunde. Diese Form wird als sekundäres (reaktives) MCAS bezeichnet. In Patienten mit CM oder SM kann auch eine gemischte Variante des MCAS (primäres und/plus sekundäres MCAS) vorliegen. Diese Patienten leiden oft unter lebensbedrohlichen Anaphylaxien, vor allem wenn auch noch eine sogenannte Hereditäre Alpha Tryptasämie (HAT) besteht. Wenn keine zugrundeliegende Erkrankung bekannt ist (weder CM/SM noch Allergien oder andere reaktive Prozesse) aber trotzdem alle MCAS Kriterien erfüllt sind, besteht ein sogenanntes idiopathisches MCAS.

Es gibt mehrere prinzipielle Möglichkeiten, die Mastozytose(n) zu behandeln. Die Form der Behandlung richtet sich nach der Variante der Erkrankung, zusätzlich bestehenden Erkrankungen (Begleiterkrankungen) und dem Ansprechen auf die Therapien.

Eine sehr wichtige therapeutische Maßnahme ist die Prophylaxe, wobei es hier zwei wichtige Säulen im Management der Patienten/innen gibt:

1) Das prophylaktische Vermeiden von auslösenden Faktoren jeglicher Art welche zu schweren mediator-assoziierten Symptomen und Anaphylaxie führen können. Zumeist lernt der/die Patient/in auf welche Auslöser und auslösende Zustände hin (Substanzen, Medikamente, Allergene, Speisen, Stress, bestimmte Temperaturen, Vibration, Alkohol, Gifte und viele andere) es zu typischen Reaktionen kommt und diese Faktoren müssen dann so weit als irgend möglich vermieden werden. Zusätzlich gibt es die klassischen Auslöser die in der Regel bei CM und SM immer vermieden werden sollten (Beispiel: Biene, Wespe, oder Aspirin). Zuletzt soll auch noch erwähnt werden, das Mastozytose-Patienten/innen in der Regel Histamin-reiche Speisen und Getränke vermeiden sollten.

2) Die prophylaktische Therapie mit Histamin-Rezeptor (HR) blockierenden Medikamenten, wobei sowohl HR1 Blocker als auch HR2 Blocker konstant eingenommen werden sollten. Obwohl diese Basistherapie Anaphylaxien und andere schwere Reaktionen nicht komplett verhindern kann, kommt es doch oft zu einem Abfedern (einer Abschwächung) der mediator-induzierten Symptome was oft entscheidend ist. Überdies können typische Folge-Erscheinungen und Krankheiten (wie z.B. ein Histamin-vermitteltes Magengeschwür) verhindert werden. Daher wird diese Basistherapie auch als Dauer-Prophylaxe empfohlen. Ebenso wird Vitamin-D zum Vorbeugen eines Vitamin-D Mangels empfohlen um die Entwicklung einer Osteopenie oder Osteoporose zu verhindern. Dies ist vor allem in den Patienten/innen wichtig, welche ein hohes Risiko haben an einer Osteoporose zu erkranken (z.B. Patienten/innen mit Osteopenie, Corticosteroid Therapie oder immobile Fälle).

Zwei wichtige Aspekte sind die Anästhetika und die erkannten Allergien. Im Falle einer bekannten Allergie sollte das (verdächtige) Allergen strikt gemieden werden. Vor einer Operation sollten die Ärzte (sowohl der Chirurg als auch der Anästhesist) über das Bestehen einer Mastozytose und auch über das Bestehen von Allergien oder Unverträglichkeiten informiert werden. Die Narkose sollte dann individuell angepasst werden. Von manchen Autoren wird präoperativ eine Intrakutantestung empfohlen, um die Reaktion des Patienten auf das entsprechende Medikament besser einschätzen zu können. In jedem Fall ist auch hier die prophylaktische Therapie mit HR1 und HR2 Blocker sowie gegebenenfalls eine prophylaktische Vortherapie mit einem Glucocorticosteroid (z.B. bei bekanntem MCAS, schweren Allergien oder bei früheren Operationen aufgetretenen anaphylaktischen Reaktionen) indiziert. Weitere Informationen über perioperative Überlegungen und Narkose für Patienten mit Mastozytose finden Sie in der Fachliteratur über den Link ‚Literature‘ auf dieser Internetseite und über die PubMed (= führende wissenschaftlich-medizinische Datenbank): http://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi.

In symptomatischen Patienten mit CM oder SM wird ebenfalls eine Basis-Therapie mit HR1- und HR2 Blocker empfohlen. HR1 Antagonisten werden eingesetzt, um vaskuläre Symptome (Hypotonie), Juckreiz, Quaddeln und Hautrötung zu behandeln. Zum Teil können sich auch Magen-Darm-Beschwerden bessern. HR2-blockierende Medikamente werden zur Behandlung von Magen-Darm-Symptome, welche in Zusammenhang mit Mastozytose und Histamin-Wirkung auftreten, wie zum Beispiel Symptome der Ulcuserkrankungen, bei Reflux mit Sodbrennen, oder bei krampfartigen Darmbeschwerden und/oder Diarrhoe (Durchfall) verwendet. Neben Antihistaminika werden verschiedene andere Medikamente bei Patienten mit Mastozytose eingesetzt um die Mediator-verursachten Symptome zu beseitigen oder zumindest zu lindern. Dazu gehören die sogenannten Mastzellstabilisatoren (wie zum Beispiel die Cromoglycinsäure), Glucocorticosteroide welche ebenfalls Mastzell-stabilisierend wirken, oder Ketotifen, das auch ein wirksames H1-Antihistaminikum ist. Diese Medikamente kommen dann zum Einsatz wenn die konventionellen HR Blocker keine ausreichende Wirkung zeigen.

Ein weiteres Medikament, welches in der akuten Phase eine schweren Anaphylaxie eingesetzt werden kann, ist Epinephrin. Dieses Medikament ist vor allem ein Notfall-Medikament welches rasch bei schweren anaphylaktischen Reaktionen mit Hypotonie und Kreislauf-Schock eingesetzt werden muss. Alle Mastozytosepatienten/innen mit hohem Risiko sollten Notfallmedikamente einschließlich eines Epi-Pens (Epinephrin-Auto-Injektoren – zumindest 2 Stück) mit sich führen. Diese Patienten/innen (und ihre Angehörigen) sollten sich mit dem Gebrauch eines Epinephrin-Injektors vertraut machen und diesen immer mitführen.

Für jede/n Patienten/in sollte die Behandlung der Mediator-induzierten Symptome von den behandelnden Ärzten/innen individuell an die Gesamtsituation angepasst werden. In der Basis-Therapie (=Prophylaxe) wird angestrebt, die Beschwerden durch den Einsatz von H1- und H2-Antihistaminika allein (ohne andere Medikamente) zu kontrollieren. Falls erforderlich (wenn kein befriedigendes Ansprechen auf hohe Dosen von Antihistaminika zu sehen ist), werden in einem zweiten Schritt weitere Medikamente, wie zum Beispiel Kortikosteroide, Protonenpumpeninhibitoren oder anderen Substanzen verordnet.

Zur Basistherapie der SM gehören auch die prophylaktische und definitive Therapie der Osteopenie und Osteoporose, welche in der systemischen Mastozytose relative häufig zu sehen ist, und zwar Geschlechter-unabhängig. Dazu gehören die Behandlung eines drohenden oder bestehenden Vitamin-D Mangels und eine ausreichende Bewegung ebenso wie bei Bedarf eine Corticosteroid-sparende Therapieeinstellung soweit das möglich ist. Bei einem verminderten T-Score (Knochendichte-Parameter) welcher nahe der Osteoporose liegt (unter -2.0) sollte eine Therapie mit einem Bisphosphonat eingeleitet werden. Falls diese Therapie keinen Erfolg bringt, kann ein Versuch mit einem RANKL Inhibitoren gestartet werden.

Zytoreduktive und zielgerichtete Medikamente: Eine Vielzahl von zytoreduktiven und zielgerichteten Medikamenten können eingesetzt werden, um das Wachstum der neoplastischen Mastzellen bei Patienten mit aggressiver systemischer Mastozytose (ASM) oder Mastzellleukämie (MCL) einzudämmen. Es handelt sich dabei unter anderem um Interferon-alpha, Cladribin (2CdA), Cytosinarabinosid (ARA-C), Hydroxyurea und Substanzen, welche KIT D816V, den Treiber der ASM und MCL, blockieren können. Diese KIT Inhibitoren entfalten oft eine erhebliche und langfristige Wirkung in diesen Patienten/innen. Der erste KIT D816V-blockierende Inhibitor, welcher eine behördliche Zulassung (FDA und EMA) zur Therapie der fortgeschrittenen Mastozytose erhalten (im Jahre 2017) hat, ist Midostaurin (PKC412). Midostaurin kann sowohl das Wachstum als auch die Aktivierung (und die IgE-vermittelte Histamin-Freisetzung) in normalen und neoplastischen Mastzellen hemmen. Daher sprechen auch viele Patienten/innen gut auf dieses Medikament an. Allerdings gibt es kaum komplette Remissionen und die Rückfall-Rate ist relativ hoch. Es gibt auch eine Reihe von neu entwickelten KIT Inhibitoren welche eine stärkere Wirkung auf das Wachstum der KIT D816V+ Zellen ausüben sollen. Dazu zählt unter anderem Avapritinib. Dieses Medikament wird derzeit noch in Studien getestet – eine Zulassung für die fortgeschrittene Mastozytose wird in der allernächster Zeit erwartet.

In der weit oder rasch fortgeschrittenen Mastozytose (ASM/MCL) oder bei Vorliegen einer begleitenden Leukämie kann auch eine Polychemotherapie und/oder eine Stammzell-Transplantation (SCT) notwendig werden. Alle diese Therapien sollten nur durch einen erfahrenen Hämatologen/Onkologen verschrieben werden, der auch mit der Mastozytose und den entsprechenden Behandlungsmethoden vertraut ist oder mit einem Center of Excellence mit Erfahrung in der Mastozytosetherapie (Center of Excellence des ECNM oder der American Initiative on Mast Cell Disorders = AIM) in Verbindung steht.

Trotz der ständig wachsenden Erkenntnisse über die Mastozytose und die Entwicklung neuer effektiver Behandlungsstrategien kann die fortgeschrittenen Mastozytose zumeist nicht langfristig kontrolliert oder ausgeheilt werden. Deshalb müssen der Effekt und Nutzen einer intensiven Therapie bei jedem einzelnen Patienten gegen die entsprechenden Nebenwirkungen und die Lebensqualität abgewogen werden. Ein anderer wichtiger Punkt ist das mutagene Potential mancher zytoreduktiver Medikamente. Deshalb sollten diese Substanzen nur nach Abwägen aller Faktoren und möglichst nicht bei indolenter oder smoldering systemischer Mastozytose (ISM/SSM) eingesetzt werden.

Manchmal werden Kortikosteroide zur Behandlung der ASM oder MCL eingesetzt, zum Beispiel in älteren Patienten mit Malabsorption oder Aszites ohne sonstige Organschäden. Für gewöhnlich werden die Glucocorticosteroide mit Interferon-alpha oder anderen anti-neoplastischen Medikamenten kombiniert. Sowohl Kortikosteroide als auch Interferon-alpha wirken zytoreduktiv auf Mastzellen, werden jedoch nicht als mutagen angesehen, da der menschliche Körper selbst diese oder ähnliche Substanzen (in niedrigen Konzentrationen) produziert. Es soll jedoch erwähnt werden, dass Kortikosteroide immunsuppressiv wirken.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten bei Mastozytose: Dazu gehören die operative Entfernung von Mastozytomen oder Mastzell-Sarkomen, die operative Entfernung der Milz im Fall einer ausgeprägt vergrößerten Milz (Riesenmilz) mit assoziierter schwerer Zytopenie (Blutarmut) oder eine PUVA-Behandlung (Psoralen und Ultraviolett-A) um einen massiven Befall der Haut mit schwere Symptomatik zu lindern. In der Regel sind wiederholte Zyklen der PUVA-Behandlung notwendig, und die meisten Patienten erleben nur eine vorübergehende Besserung. Bei Kindern wird eine PUVA Therapie aufgrund der potentiellen Langzeitfolgen (Risiko von sekundären Neoplasien) nicht empfohlen.

Obwohl das Risiko sich mit dem SARS-CoV-2 Virus anzustecken in Patienten/innen mit Mastozytose nicht erhöht ist, gibt es Risikofaktoren welche mit einer schweren Verlaufsform der Erkrankung (schwere Pneumonie) behaftet sind. Dazu zählen kardiovaskuläre und pulmonale Erkrankungen, eine laufende Chemotherapie oder andere immunsupprimierende Therapien. Daher sollten diese Therapien im Falle einer SARS-CoV-2 Infektion in jedem einzelnen Fall überdacht und adaptiert werden. Andere Therapien, welche in der Mastozytose eine Rolle spielen, wie beispielsweise Histamin-Rezeptor-Antagonisten, Immuntherapien (bei Insektengiftallergien) und eine Vitamin D3 Therapie sollten hingegen fortgesetzt werden. Generell sollten alle Patienten/innen mit Mastozytose während der COVID-19 Pandemie entsprechend den lokalen Empfehlungen und Leitlinien behandelt werden. Dies gilt auch für die Impfung gegen SARS-CoV-2. Speziell wird empfohlen, dass alle Patienten/innen mit Mastozytose gegen SARS-CoV-2 geimpft werden, allerdings unter Berücksichtigung des individuellen Risikos, vor allem bei zusätzlich bestehenden schweren Mediator-assoziierten Symptomen und/oder schweren Allergien. Für die bislang zugelassenen Impfstoffe gilt, dass das Impfrisiko als relativ gering einzustufen ist. Aber im Einzelfall wurde über schwere anaphylaktische Reaktionen berichtet. Daher sollten die Impfung in den Hoch-Risiko-Gruppen (bezüglich Anaphylaxie) nur unter kontrollierten Bedingungen und unter Prämedikation, entsprechend den lokalen Richtlinien, durchgeführt werden.